„Heimat“ im Wandel der Zeit …?

von Manfred Schröder

2.Teil 

 

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird „Heimat“ oft als der Ort bezeichnet, an dem man geboren wurde und seine Kindheit verbracht hat. Zugleich umfasst „Heimat“ aber auch das soziale Umfeld und die Umgebung. Diese enge Verbundenheit prägt den Menschen in seinen Einstellungen und in seiner Mentalität. „Heimat“ verkörpert sowohl einen Ort, als auch ein Gefühl.

„Heimat“ ist Lebensqualität und wird von den Menschen erfahren, die mit ihrer kleinen eigenen Welt in Übereinstimmung leben. Bedeutend ist hierbei ein soziales Beziehungsgeflecht aus Verwandten, Freunden und Bekannten. Durch Vertrautheit, Nähe und Verlässlichkeit zwischen den Menschen entsteht „Heimat“.

Das Zeitalter der Globalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Was wir essen und trinken, wie wir uns kleiden, welche Musik wir hören, wohin wir reisen und wie wir kommunizieren, mehr und mehr dringen globale Einflüsse in den Lebensbereich aller Menschen. Globalisierung kann aber nicht das Bedürfnis des Menschen nach „Heimat“, nach einem vertrauten Ort der Geborgenheit ersetzen. Erforderlich ist vielmehr ein aufgeklärter Heimatbezug, um die Ortsgebundenheit zu Gunsten von Weltoffenheit zu erweitern.

Auf Bitte des Heimatbundes haben sich  ehemalige Mitbürger zum Thema „Heimat“ geäußert. Nachfolgend veröffentlichen wir in Ausschnitten weitere Antwortschreiben.

 

 

Maria Walker, geb. Behrens, im Februar 1947 von Emsdetten in die Nähe von London übergesiedelt, lebt heute in Beccles/Suffolk England.

Sie berichtet: „ Meine liebsten Erinnerungen von der „Heimat“ sind noch von meiner Kindheit und Schulzeit (…). Mein Elternhaus war Austum 62, später Wallenbrock 18. Wenn ich an Austum denke, sind es immer frohe Gedanken. Ich denke besonders an Heuveldopsbusch, Müldersbusch, die Quelle gegenüber der Einfahrt von Bauer Blomert. Als Kinder liefen wir immer den Abhang herunter zu der Quelle und fingen das Wasser in den Händen. Kurz hinter der Quelle, an der linken Seite, führte ein Hohlweg. Da ging man durch eine herrliche Wiese zur Ems. Für mich der schönste Fluss der Welt. Und die Schulausflüge zum Venn und zum Brook bringen mir frohe Andenken. Das man so in der Gegend nach Herzenswunsch herumstrolchen konnte, ist mir erst so richtig zum Bewusstsein gekommen, als ich hier in Suffolk/England ankam. Hier gab es fast nur große Grundbesitzer und das meiste Land und Wälder waren privat, ummauert, eingezäunt und verdrahtet. Die Bevölkerung war sehr arm, doch sehr loyal.

Ich kann nicht sagen, dass England mir zur „Zweiten Heimat“ geworden ist!“

 

 

Alfred Hölscher aus der Schweiz schreibt ausführlich, wie es lohnt, sich mit dem Thema „Heimat“ auseinander zu setzen. Er hat sich einige Gedanken über sich und seine „Heimat“ gemacht. Dabei ist er zu der Erkenntnis gelangt, dass das Wort „Heimat“ für jeden Menschen einen anderen Stellenwert einnimmt.

Er stellt sich die Frage: „Wo ist meine Heimat?“

„Geboren bin ich in Emsdetten einer mittleren Kleinstadt im Münsterland. Ich erlebte eine geschützte Kindheit mit Geschwistern, Freude und Liebe, trotz Nachkriegswirren. Demnach bezeichne ich Emsdetten in meinen Kinderjahren als meine „Heimat“, denn hier war ich glücklich, hier lebten meine Eltern, meine Geschwister, hier war alles vertraut. Jedoch realisiert man in seiner Kindheit seine „Heimat“ nicht unbedingt. Man fühlt sich eher beschützt. Gerade dieses Beschützt sein ist ein großes Faktum der Heimatgefühle. „Heimat“ muss demnach Frieden und Geborgenheit bedeuten.

Im jugendlichen Alter von 21 Jahren hat dann mich aber das Fernweh gepackt und ich wanderte 1967 aus. Das Ziel meiner Auswanderung war die Schweiz. In einem kleinen Dorf am Zürichsee fand ich eine Arbeit, eine Frau und neue Freunde. Schnell fühlte ich mich hier im Kreise meiner Familie und Freunde heimisch. Ja ich fühlte mich heimisch, aber es war nicht meine „Heimat“. Denn hier galt ich als Deutscher, als Ausländer. Jedoch ließen es mich die Menschen nie anmerken. Es war sicher nicht selbstverständlich, denn nicht überall auf der Welt sind Deutsche beliebt. Um diesem Fremdsein aber zu entgehen, lernte ich ziemlich schnell den Schweizer Dialekt, den ich Heute fast akzentfrei beherrsche. In früheren Jahren besuchte ich auch des öfteren Emsdetten, meine Heimat- und Geburtsstadt in meinem Heimatland aus Kindertagen.“

Alfred Hölscher schildert in seinem Antwortschreiben auch von negativen Erlebnissen, die er auf seinen Urlaubsreisen in Deutschland erlebt hat. Bei einer Zwischenstation im Duisburger Bahnhof wurden er und seine Kinder als „Ausländerpack“ bezeichnet, weil sie sich wie gewohnt, nun im Schweizer Dialekt unterhielten.

Er schreibt weiter: „ Einige Jahre später, wieder bei einem Besuch in Emsdetten, besuchte ich die Innenstadt, aber wo war sie? Wo waren die mir vertrauten Häuser und Gassen und Ecken meiner Heimatstadt? Ich fand sie nicht!

Da auch mein Elternhaus abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt wurde, hatte ich plötzlich nicht mehr was mich an meine „Heimat“ erinnerte. Kein Elternhaus, kein Heimatland und auch keine Heimatstadt mehr. Dieses mag kindisch und banal klingen, aber es schmerzt.

Zurückgekehrt an meinen Wohnort in der Schweiz, beantragte ich das Schweizer Bürgerrecht. Denn an meinem Wohnort gefiel es mir und ich fühlte mich wohl. So hatte ich wieder eine „Heimat“. Heute kann ich also sagen: „Ich bin ein Heimatloser mit neuer „Heimat“. Heimat ist dort, wo man glücklich ist und sich zuhause fühlt!“

So weit die Ausführungen von Alfred Hölscher. Ganz vergessen hat er seine alte „Heimat“ trotzdem nicht. Mit der Internetseite www.detten.ch bereitet er sich selber und auch uns eine Freude. Er überschreibt seinen Internetauftritt mit  „Mien aolle Detten“.

 

 

Der Heimatbund hat nicht nur Post von Helmut Schwarte aus Südafrika erhalten, sondern konnte sich auch telefonisch einige Male zu dem Thema

„Heimat“ austauschen. Helmut Schwarte bedankt sich, dass der Heimatbund ihm regelmäßig die Emsdettener Heimatblätter zukommen lässt. Somit erfährt er Neues und Altes aus der „Heimat“.

Auszug aus der schriftlichen Stellungnahme: „Sehr geehrter Herr Schröder, ich muss Ihnen Recht geben, das Wort Heimatgefühl ist nach 54 Jahren in Südafrika bei mir immer noch eine Herzensangelegenheit. Ich bin in Emsdetten aufgewachsen und im Januar 1953 mit meinen Eltern und meinem Bruder Paul nach Südafrika ausgewandert. Ich war 19 Jahre! Mein Vater, der bei der Firma Schlutz in Emsdetten tätig war, baute in deren Auftrag in Paarl in Südafrika einen Jute Webereibetrieb auf. Die Firma heißt noch Heute „Spilo“. Nach viereinhalb Jahren in Südafrika habe ich meine eigene Firma gegründet. Eine Zylinder und Kurbelwellen-Schleiferei (Motorenüberholung), wie die Firma Carl Schwarte, heute Herbert Schwarte, ist. Aus dessen Haus, Borghorster Straße 50, stammt mein Vater. 1960 bin ich das erste Mal wieder nach Deutschland geflogen und habe meine Heimatstadt Emsdetten besucht. Hier habe ich meine Frau Inge, geb. Hinderding, geheiratet. Wir kannten uns schon länger, meine Eltern und ihre Eltern waren befreundet. Danach war ich laufend geschäftlich in Europa und landete am Ende immer in Emsdetten um Freunde und Verwandte zu besuchen. Zu den 200 Jahrfeiern der Dorfbauern Schützengesellschaft im Jahre 2005 habe ich die Schirmherrschaft übernommen. Im Januar/Februar 2006 waren 13 Dorfbauern bei uns zu Besuch. Hierüber haben wir uns sehr gefreut. Wir freuen uns immer, wenn Emsdettener zu Besuch kommen! Wir haben viel über Emsdetten geredet. Die mir von den Dorfbauern mitgebrachte Emsdettener Stadtfahne hängt im Vereinshaus des Deutschen Club Paarl. Dieser Club wurde bereits 1926 gegründet, fünf Jahre war ich ihr 1. Vorsitzender. Nach der Apartheid wird unser Südafrika auch die „Regenbogen-Nation“ genannt. Hier leben Menschen aus allen Völkern, Nationen und Glaubensrichtungen. Der Regenbogen umfasst alle Nationen und Völker“.

Soweit aus dem Brief von Helmut Schwarte. Am Telefon hat er den großen Wunsch geäußert, in seiner Heimatstadt noch einmal Schützenfest zu feiern.

Möge sich die Sehnsucht nach einem „Vivat Schüttenbeer“ erfüllen.

  

- Fortsetzung folgt -                                                                                                                                                            

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