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„Heimat“
im Wandel der Zeit …? 4.
Teil von Manfred
Schröder Mit dieser Ausgabe möchten wir
unsere kleine Serie: „Ehemalige Mitbürger äußern sich zu dem Thema
„Heimat“, abschließen. Der Heimatbund hat sich sehr über
den umfangreichen Antwortbrief von Karl-Ludwig Vollmar, heute wohnhaft
in Köln-Lindenthal, gefreut. Er überschreibt seine Erinnerung
mit dem Titel: In kurzen Ausschnitten möchte ich
daraus zitieren! „1941 wurde ich in Münster
geboren, von dort stammte auch mein Vater, meine Mutter war gebürtige
Emsdettenerin. Die ersten Lebensjahre im schon fortgeschrittenen Krieg
verbrachten wir in Berlin, wobei ich an diese Zeit keine Erinnerung mehr
habe. Unser Kindermädchen Else war ebenfalls aus dem Münsterland - mit
ihr sollte ich 1944 eine große Eisenbahnreise durch Deutschland
antreten, weil das brennende von Bombenangriffen gepeinigte Berlin
zunehmend eingekesselt wurde und wir nach Westfalen evakuiert werden
sollten. Es war vorgesehen, dass wir
Unterschlupf bei unserer Großmutter in Emsdetten finden sollten. Wir
zwei bildeten die Vorhut - meine Eltern mit dem inzwischen geborenen jüngeren
Bruder folgten später nach. Unsere Schwester wurde 1949 geboren und ist
stolz, wie unsere Mutter eine Emsdettenerin zu sein.
Die Reise mit der Eisenbahn war sehr erschwert und wir mussten
lange Umwege in Kauf nehmen, bis wir in dem auch besetzten Emsdetten
ankamen. Die Familienhäuser waren zum Teil durch englische Soldaten
belegt, so dass alle zusammenrückten, um den Neuankömmlingen Platz zu
schaffen. Wir wohnten zunächst gegenüber von der Firma Stroetmann am
alten Friedhof, direkt neben dem Gefallenen Denkmal. Später zogen wir
dann zur Großmutter Frieda Mülder in die Münsterstraße 24. In der
Folgezeit lebten mit ihr drei, oder auch vier Familien unter einem Dach
zusammen. Erst jetzt setzten für mich Erinnerungen ein, vor allem an
unbeschwerte, glückliche Kinderjahre, auf die ich mich zunehmend besser
besinne, je länger ich diese Zeit vergegenwärtige. Manchmal fallen mir
auch scheinbar belanglose Details ein, über die ich mich wundere. So
geht es auch meinen Vettern und Cousinen, die das gleiche Erinnerungsphänomen
beobachten, wenn wir gemeinsam in alten Emsdettener Zeiten schwelgen. Prägende
Erinnerungen gab es im Zusammenleben mit der Großfamilie, sowie in der
Möglichkeit zu spielen und sich in einem „riesigen“ beidseits des Mühlenbachs
zwischen Münster- und Franz-Mülder-Straße gelegenen Abenteuer-Areals
bewegen zu können. Wir waren meist mit unseren Vettern und Cousinen
ganztägig zusammen um irgendetwas „Tolles“ auszuhecken, ebenso mit
Freunden aus der Nachbarschaft. Erwähnenswert sind an erster Stelle
die lebendige und lustige Familie Hein Fritz, wobei die Eltern
mit 6 Kindern in der phantasievollen früheren Villa Louis wohnten, die
später nach Franz Mülder benannt wurde. Jan und Heinz waren unsere
dicksten Freunde, jederzeit zu einem Abenteuer bereit, ebenso Werner
Lechtreck von gegenüber, der alles mitmachte, was uns so wieder rein
zufällig im Kopf herumspukte. Häufig aber nicht zur Freude der
angrenzenden Bewohner. Etwas reifer an Jahren, von uns allen geschätzt,
war Ludger Schilgen, genannt Wutkus, der sich gelegentlich herabließ
uns bei den geplanten Untaten zu beraten. Im Garten seiner Eltern gab es
einen steilen Hügel, der sich im Winter phantastisch zum rodeln
eignete, aber genau das war verboten. Verständlicherweise setzten wir
alles daran doch bei sich bietenden Gelegenheiten genau das zu tun;
kleine Strafen und mahnende Worte von Onkel Fritz und Tante Mietze in
Kauf nehmend. Unterbrochen wurden diese beliebten
praktizierten Tagesabläufe durch die Einschulung in die Heidberge-, später
Buckhoffschule. Noch ernster kam es beim späteren Wechsel in das städt.
alt sprachlichen Progymnasiums Emsdetten. Ostern 1953 zogen wir nach Köln
um, unser beim Finanzamt arbeitender Vater wurde ins Rheinland versetzt
und der tränenreiche Tag des Abschieds nahte, da wir Emsdetten verließen.
Die paradiesischen Kindertage in Emsdetten gingen für meine Geschwister
und mich zu Ende und es brauchte einige Zeit bis wir uns in der zweiten,
jetzt rheinischen „Heimat“ eingelebt hatten. Was hat uns Emsdetten
in diesen wichtigen Jahren unserer Kindheitsentwicklung gebracht? Ich glaube, man kann es
zusammenfassen in dem Gewinn an Urvertrauen, das glücklicherweise nicht
wie bei vielen Gleichaltrigen durch die Umstände des Krieges erschüttert
wurde. Normalität ohne wirtschaftliche Nöte wurde im Kreise einer großen
solidarischen Familie und vieler Freunde in einer Kleinstadt gelebt,
deren Charme alte und neue Emsdettener auch heute für sich einnimmt.
Die Stadt hat ihre Identität bewahrt und es ist noch immer reizvoll
hier leben zu können. Die Verbindungen zum Münsterland sind nicht
abgebrochen. In Emsdetten lebt noch eine von uns allen heiß geliebte
Tante. Unsere Cousine Monika organisiert sehr ideenreiche Pättkestouren,
damit uns die wunderbaren Wälder und üppigen blühenden Wiesen und
Felder rund um Emsdetten gegenwärtig bleiben. Die typische
Emslandschaft hat es mir radelnderweise sehr angetan. Ich werde erinnert
an frühere nicht ganz ungefährliche sommerliche Badeausflüge zur Ems,
aber auch an Wintervergnügen mit der gar nicht so seltenen Möglichkeit
Schlittschuh auf überschwemmten Wiesen rund um das damalige Lokal
Waldesruh zu fahren. Auch der Mühlenbach spielte eine wichtige Rolle.
Er lief mitten durch unser Spielparadies und wurde in spannende
Unternehmungen einbezogen. Die Einschulung in die Volksschule wurde
begleitet auch durch das Darreichen einer Schulspeise, die von den
Besatzermächten spendiert wurde. Man musste ein Messingkochgeschirr mit
in die Schule bringen, es gab Wasserkakao mit einem wohlschmeckenden Brötchen,
gelegentlich habe ich noch heute den metallenen Messing-Geschmack auf
der Zunge. Ich war ein mäßiger Schüler, durfte aber Hilfe in Anspruch
nehmen, speziell um die ersten Hürden auf dem Gymnasium zu nehmen.
Meinen Eltern anempfohlen wurde Rektor a.D. Franz Lechte, wohnhaft am
Katthagen, der sich gütig meiner annahm, wenn der Ernst(e) Lateinlehrer
zu streng und die Diktate des Fromme(n) Deutschlehrers zu schwierig
waren. Letzter, auch Pius genannt, war zahnärztlich miserabel versorgt.
Sowohl die Unter- als auch Oberprothese saßen schlecht, sodass während
des Redens fast schmatzende und feuchte Artikulationsstörungen
resultierten.“ Herr Vollmar führt in seinem
Antwortschreiben weitere aufregende Schulvorkommnisse auf, die einen
braven Schüler in Rage versetzen konnten. Leider können wir diese aus
Platzgründen nicht weiter zitieren. An eine besonders verehrungswürdige
Persönlichkeit, die von vielen Emsdettenern geschätzt wurde, möchte
Herr Vollmar aber noch erinnern. Es war der damalige Kaplan Heifort,
tätig in der Herz-Jesu Kirche als Seelsorger, der daneben im Gymnasium
Religions-Unterricht erteilte. Dann wurde er nach Münster ins
Priesterseminar berufen, um später wie er selbst zitierte wieder
einfacher Pfarrer in Hembergen zu sein. Er war ein überzeugender
Gottesmann, ein charismatischer Prediger und ein freundlicher
bescheidener Mensch. Schon als Sextaner hatte man eine Ahnung seiner
besonderen menschlichen Größe. Mancher von uns Jungen wurde Messdiener
unter der Obhut von Pfarrer Schweins in der Pfarrkirche St. Pankratius.
Jeder musste sich langsam hocharbeiten, um auch einmal das Weihrauchfass
schwenken zu dürfen und nicht immer nur eine Kerze tragen zu müssen.
Mit weiteren Beobachtungen und besonderen Erlebnissen Emsdetten
betreffend schießt Herr Vollmar seinen Brief. Der Heimatbund bedankt
sich recht herzlich für die lebendigen Erzählungen und Erinnerungen. Prof.
Peter Niehaus hat sich für seine Antwort wie er selbst schreibt
„Zeit gelassen“, da er nach vielen berufsbedingten Stationen
nochmals seinen Wohnort gewechselt hat. Fulda ist nun seine neue
„Heimat“ für das Alter. Er schreibt: „ Heimatbewusstsein
habe ich für mich erinnerlich wohl zum ersten Mal während eines
Studienjahres in den USA entwickelt, also nicht so sehr auf meinen
Geburtsort Hannover, sondern im Gefühl, außerhalb Deutschlands als
Europäer in den USA zu leben, bestehen zu lernen in einer ganz anderen
Welt, nicht negativ, aber
in allen Kategorien menschlichen Empfindens und Erlebens reichend. Diese
Erkenntnis hat mein Bewusstsein, Empfinden und Handeln durchweg
begleitet bis in meine späten beruflichen Jahre bei Siemens, auf Reisen
zu Bauprojekten fast auf der ganzen Welt. Mit dem jeweiligen Wohnort
unserer Familie war zwar ein Festpunkt gegeben gegenüber der anderen für
mich auch heimatlichen Erfahrung in der Vielfalt von Aufgaben und Orten,
den Erfahrungen und Erlebnissen, der Freundschaft mit Menschen, mit
denen man gleichsam in einer privaten Heimat zusammen war und weiterhin
ist. Für mich ist keine Frage „Heimat“ als zeitgemäße und
notwendige Kategorie zu führen. Für unsere Familie bleibt
charakteristisch, über weite Strecken an immer wieder anderen
Standorten heimisch zu sein. Gerade weltweites Arbeiten und die
aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen sind für Menschen wohl nur
zu verkraften, wenn sie in Gegenwirkung zu dieser Entwicklung
irgendwie/wo zu Hause sein können. In Emsdetten empfinde ich
„Heimat“ in mehrfacher Hinsicht. Wir haben viele Freunde gewonnen;
in direkter Nachbarschaft und verstreut im Münsterland. Mit einigen
dieser Freunde sind wir bis heute verbunden. Emsdetten mit seinem alten
Rathaus, auch dem Neuen, war für mich als Berufsanfänger wichtige
berufliche „Heimat“. Als Stadtbaurat wollte ich mit meiner Arbeit
dazu beitragen, dass andere Menschen in dieser Stadt „Heimat“ finden
und empfinden konnten. Ich hoffe, dass dies im Zusammenwirken mit den
Architekten vor Ort in der damals neu geschaffenen Stadtmitte, in den
damals neu entstandenen Wohngebieten, aber auch in den Freiräumen der
Stadt als „Heimat für Andere“ erfahrbar geworden ist. Lieber Herr Schröder, ich hoffe,
Ihnen ausreichend geantwortet zu haben. Durch die notwendige Knappheit
sind einige weiter ausführende Gedanken, auch Namen aus Stadtpolitik
und Verwaltung, die für mich noch heute dazu gehören, nicht erwähnt.
Beim Sortieren unseres Umzugsgutes sind mir ein paar Diapositive aus
meiner ersten Zeit in Emsdetten in die Hände gekommen, die ich gerne an
Sie weitergebe. Sie sind technisch nicht alle OK, inhaltlich eher zufällig.
Die Dias mit den Plänen zur Stadtkernsanierung sind vielleicht doch von
dokumentarischem Wert.“ Vielen Dank Herr Prof. Niehaus für
Ihre Stellungnahme zum Thema „Heimat“. Die freundlicherweise überlassenen Dias haben wir eingescannt und somit zukunftssicher archiviert. Herzliche Grüße aus Emsdetten! Aus Manila erreichte uns im letzten
Jahr auch ein Brief von Pater Dr.
Franz-Josef Eilers, svd. zum Thema „Heimat“ Pater Eilers schreibt: „Wenn ich
hier auf den Philippinen meinen Studenten an der theologischen
Hochschule (Priesterseminar) und der Universität die anthropologischen
Begriffe acculturation und enculturation
erkläre, dann denke ich immer wieder an meine eigene Jugend in
Emsdetten. Denn Enculturation
meint eigentlich „Heimat“, d.h. eine Kultur, in der man durch
Geburt und Kultur eingebettet wird und die so grundlegender Teil des
eigenen persönlichen Lebens wird. Lebensanschauung, Gefühle und
Erwartungen aber auch Verhaltenweisen werden von dieser „Heimat“
(Kultur) bestimmt. Gern erinnere ich mich an die
Kindheitsjahre in der Familie, einschließlich der häufigen Besuche in
Münster, der Heimat meiner Mutter. Die Erfahrungen mit Lehrern in der Schule, noch mehr aber jene in der Pfarrei Herz Jesu
mit ihren vorbildlichen Priestern sind auch heute noch Grundlage des
persönlichen und geistlichen Lebens, die von der „Heimat“ nicht
getrennt werden können. Noch heute erzähle ich meinen Seminaristen,
wie Kaplan Austermann uns als junge Messdiener „gedrillt“, aber auch
motiviert hat für den liturgischen Dienst; ich versuche hier das
Gleiche zu tun. Die Erfahrungen des Krieges mit seinen Luftangriffen,
aber auch den Wiederaufbau, vor allem von Münster, kann man nicht
vergessen. Sie bilden auch heute noch eine Grunderfahrung, die
mitspielt, wenn in diesem Lande und anderen Teilen Asiens - ich arbeite
außer meinem Unterricht für die „Föderation der Asiatischen
Bischofkonferenzen - kriegsähnliche Ereignisse aufleben. Mit Interesse
lese ich auch hier in Asien einige Berichte der Emsdettener Volkszeitung
im Internet. So bleibe ich auch mit der „Heimat“ verbunden. Sie
bringen Erinnerungen und beleben das Bewusstsein von der eigenen
„Heimat“, wo man seinen Ursprung hat. In meinen persönlichen Gesprächen
mit Seminaristen und Priestern erzähle ich ihnen immer wieder von
meiner Überzeugung und meiner persönlichen Erfahrung, dass die ersten
fünf bis sechs Jahre im Leben eines Menschen entscheidende Jahre sind,
in denen die Grundlage und Disposition für das ganze spätere Leben
gelegt werden. Dies schließt dann besonders auch die „Heimat“ aus
der man hervor wächst mit ein.“ Der Heimatbund bedankt sich bei Ihnen
Pater Eilers und wünscht Ihnen für die Zukunft alles Gute. Mit einigen Passagen aus der
Ansprache von Horst Köhler vor der Bundesversammlung nach der Wahl zum
Bundespräsidenten im Deutschen Bundestag am 23. Mai 2004 möchte ich
abschließen: Für die vielen Zuschriften möchte
ich mich abschließend nochmals recht herzlich bedanken. Sie haben
gezeigt, wie lohnend es sein kann, sich mit dem Thema „Heimat“ zu
beschäftigen. Aus der „Heimat“ Emsdetten wünsche ich allen
ehemaligen Mitbürgern eine schöne Weihnachtszeit und alles Gute für
das Neue Jahr. Herzlichen Dank! |