„Heimat“ im Wandel der Zeit …?

4. Teil

 von Manfred Schröder

Mit dieser Ausgabe möchten wir unsere kleine Serie: „Ehemalige Mitbürger äußern sich zu dem Thema „Heimat“, abschließen.

Der Heimatbund hat sich sehr über den umfangreichen Antwortbrief von Karl-Ludwig Vollmar, heute wohnhaft in Köln-Lindenthal, gefreut.

Er überschreibt seine Erinnerung mit dem Titel:
„Mein altes Emsdetten  1944-1953“.

In kurzen Ausschnitten möchte ich daraus zitieren!

„1941 wurde ich in Münster geboren, von dort stammte auch mein Vater, meine Mutter war gebürtige Emsdettenerin. Die ersten Lebensjahre im schon fortgeschrittenen Krieg verbrachten wir in Berlin, wobei ich an diese Zeit keine Erinnerung mehr habe. Unser Kindermädchen Else war ebenfalls aus dem Münsterland - mit ihr sollte ich 1944 eine große Eisenbahnreise durch Deutschland antreten, weil das brennende von Bombenangriffen gepeinigte Berlin zunehmend eingekesselt wurde und wir nach Westfalen evakuiert werden sollten.

Es war vorgesehen, dass wir Unterschlupf bei unserer Großmutter in Emsdetten finden sollten. Wir zwei bildeten die Vorhut - meine Eltern mit dem inzwischen geborenen jüngeren Bruder folgten später nach. Unsere Schwester wurde 1949 geboren und ist stolz, wie unsere Mutter eine Emsdettenerin zu sein.  Die Reise mit der Eisenbahn war sehr erschwert und wir mussten lange Umwege in Kauf nehmen, bis wir in dem auch besetzten Emsdetten ankamen. Die Familienhäuser waren zum Teil durch englische Soldaten belegt, so dass alle zusammenrückten, um den Neuankömmlingen Platz zu schaffen. Wir wohnten zunächst gegenüber von der Firma Stroetmann am alten Friedhof, direkt neben dem Gefallenen Denkmal. Später zogen wir dann zur Großmutter Frieda Mülder in die Münsterstraße 24. In der Folgezeit lebten mit ihr drei, oder auch vier Familien unter einem Dach zusammen. Erst jetzt setzten für mich Erinnerungen ein, vor allem an unbeschwerte, glückliche Kinderjahre, auf die ich mich zunehmend besser besinne, je länger ich diese Zeit vergegenwärtige. Manchmal fallen mir auch scheinbar belanglose Details ein, über die ich mich wundere. So geht es auch meinen Vettern und Cousinen, die das gleiche Erinnerungsphänomen beobachten, wenn wir gemeinsam in alten Emsdettener Zeiten schwelgen. Prägende Erinnerungen gab es im Zusammenleben mit der Großfamilie, sowie in der Möglichkeit zu spielen und sich in einem „riesigen“ beidseits des Mühlenbachs zwischen Münster- und Franz-Mülder-Straße gelegenen Abenteuer-Areals bewegen zu können. Wir waren meist mit unseren Vettern und Cousinen ganztägig zusammen um irgendetwas „Tolles“ auszuhecken, ebenso mit Freunden aus der Nachbarschaft. Erwähnenswert sind an erster Stelle  die lebendige und lustige Familie Hein Fritz, wobei die Eltern mit 6 Kindern in der phantasievollen früheren Villa Louis wohnten, die später nach Franz Mülder benannt wurde. Jan und Heinz waren unsere dicksten Freunde, jederzeit zu einem Abenteuer bereit, ebenso Werner Lechtreck von gegenüber, der alles mitmachte, was uns so wieder rein zufällig im Kopf herumspukte. Häufig aber nicht zur Freude der angrenzenden Bewohner. Etwas reifer an Jahren, von uns allen geschätzt, war Ludger Schilgen, genannt Wutkus, der sich gelegentlich herabließ uns bei den geplanten Untaten zu beraten. Im Garten seiner Eltern gab es einen steilen Hügel, der sich im Winter phantastisch zum rodeln eignete, aber genau das war verboten. Verständlicherweise setzten wir alles daran doch bei sich bietenden Gelegenheiten genau das zu tun; kleine Strafen und mahnende Worte von Onkel Fritz und Tante Mietze in Kauf nehmend.

Unterbrochen wurden diese beliebten praktizierten Tagesabläufe durch die Einschulung in die Heidberge-, später Buckhoffschule. Noch ernster kam es beim späteren Wechsel in das städt. alt sprachlichen Progymnasiums Emsdetten. Ostern 1953 zogen wir nach Köln um, unser beim Finanzamt arbeitender Vater wurde ins Rheinland versetzt und der tränenreiche Tag des Abschieds nahte, da wir Emsdetten verließen. Die paradiesischen Kindertage in Emsdetten gingen für meine Geschwister und mich zu Ende und es brauchte einige Zeit bis wir uns in der zweiten, jetzt rheinischen „Heimat“ eingelebt hatten. Was hat uns Emsdetten in diesen wichtigen Jahren unserer Kindheitsentwicklung gebracht?

Ich glaube, man kann es zusammenfassen in dem Gewinn an Urvertrauen, das glücklicherweise nicht wie bei vielen Gleichaltrigen durch die Umstände des Krieges erschüttert wurde. Normalität ohne wirtschaftliche Nöte wurde im Kreise einer großen solidarischen Familie und vieler Freunde in einer Kleinstadt gelebt, deren Charme alte und neue Emsdettener auch heute für sich einnimmt. Die Stadt hat ihre Identität bewahrt und es ist noch immer reizvoll hier leben zu können. Die Verbindungen zum Münsterland sind nicht abgebrochen. In Emsdetten lebt noch eine von uns allen heiß geliebte Tante. Unsere Cousine Monika organisiert sehr ideenreiche Pättkestouren, damit uns die wunderbaren Wälder und üppigen blühenden Wiesen und Felder rund um Emsdetten gegenwärtig bleiben. Die typische Emslandschaft hat es mir radelnderweise sehr angetan. Ich werde erinnert an frühere nicht ganz ungefährliche sommerliche Badeausflüge zur Ems, aber auch an Wintervergnügen mit der gar nicht so seltenen Möglichkeit Schlittschuh auf überschwemmten Wiesen rund um das damalige Lokal Waldesruh zu fahren. Auch der Mühlenbach spielte eine wichtige Rolle. Er lief mitten durch unser Spielparadies und wurde in spannende Unternehmungen einbezogen. Die Einschulung in die Volksschule wurde begleitet auch durch das Darreichen einer Schulspeise, die von den Besatzermächten spendiert wurde. Man musste ein Messingkochgeschirr mit in die Schule bringen, es gab Wasserkakao mit einem wohlschmeckenden Brötchen, gelegentlich habe ich noch heute den metallenen Messing-Geschmack auf der Zunge. Ich war ein mäßiger Schüler, durfte aber Hilfe in Anspruch nehmen, speziell um die ersten Hürden auf dem Gymnasium zu nehmen. Meinen Eltern anempfohlen wurde Rektor a.D. Franz Lechte, wohnhaft am Katthagen, der sich gütig meiner annahm, wenn der Ernst(e) Lateinlehrer zu streng und die Diktate des Fromme(n) Deutschlehrers zu schwierig waren. Letzter, auch Pius genannt, war zahnärztlich miserabel versorgt. Sowohl die Unter- als auch Oberprothese saßen schlecht, sodass während des Redens fast schmatzende und feuchte Artikulationsstörungen resultierten.“

Herr Vollmar führt in seinem Antwortschreiben weitere aufregende Schulvorkommnisse auf, die einen braven Schüler in Rage versetzen konnten. Leider können wir diese aus Platzgründen nicht weiter zitieren.

An eine besonders verehrungswürdige Persönlichkeit, die von vielen Emsdettenern geschätzt wurde, möchte Herr Vollmar aber noch erinnern.

Es war der damalige Kaplan Heifort, tätig in der Herz-Jesu Kirche als Seelsorger, der daneben im Gymnasium Religions-Unterricht erteilte. Dann wurde er nach Münster ins Priesterseminar berufen, um später wie er selbst zitierte wieder einfacher Pfarrer in Hembergen zu sein. Er war ein überzeugender Gottesmann, ein charismatischer Prediger und ein freundlicher bescheidener Mensch. Schon als Sextaner hatte man eine Ahnung seiner besonderen menschlichen Größe. Mancher von uns Jungen wurde Messdiener unter der Obhut von Pfarrer Schweins in der Pfarrkirche St. Pankratius. Jeder musste sich langsam hocharbeiten, um auch einmal das Weihrauchfass schwenken zu dürfen und nicht immer nur eine Kerze tragen zu müssen. Mit weiteren Beobachtungen und besonderen Erlebnissen Emsdetten betreffend schießt Herr Vollmar seinen Brief. Der Heimatbund bedankt sich recht herzlich für die lebendigen Erzählungen und Erinnerungen.

Prof. Peter Niehaus hat sich für seine Antwort wie er selbst schreibt „Zeit gelassen“, da er nach vielen berufsbedingten Stationen nochmals seinen Wohnort gewechselt hat. Fulda ist nun seine neue „Heimat“ für das Alter.

Er schreibt: „ Heimatbewusstsein habe ich für mich erinnerlich wohl zum ersten Mal während eines Studienjahres in den USA entwickelt, also nicht so sehr auf meinen Geburtsort Hannover, sondern im Gefühl, außerhalb Deutschlands als Europäer in den USA zu leben, bestehen zu lernen in einer ganz anderen Welt,  nicht negativ, aber in allen Kategorien menschlichen Empfindens und Erlebens reichend. Diese Erkenntnis hat mein Bewusstsein, Empfinden und Handeln durchweg begleitet bis in meine späten beruflichen Jahre bei Siemens, auf Reisen zu Bauprojekten fast auf der ganzen Welt. Mit dem jeweiligen Wohnort unserer Familie war zwar ein Festpunkt gegeben gegenüber der anderen für mich auch heimatlichen Erfahrung in der Vielfalt von Aufgaben und Orten, den Erfahrungen und Erlebnissen, der Freundschaft mit Menschen, mit denen man gleichsam in einer privaten Heimat zusammen war und weiterhin ist. Für mich ist keine Frage „Heimat“ als zeitgemäße und notwendige Kategorie zu führen. Für unsere Familie bleibt charakteristisch, über weite Strecken an immer wieder anderen Standorten heimisch zu sein. Gerade weltweites Arbeiten und die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen sind für Menschen wohl nur zu verkraften, wenn sie in Gegenwirkung zu dieser Entwicklung irgendwie/wo zu Hause sein können. In Emsdetten empfinde ich „Heimat“ in mehrfacher Hinsicht. Wir haben viele Freunde gewonnen; in direkter Nachbarschaft und verstreut im Münsterland. Mit einigen dieser Freunde sind wir bis heute verbunden. Emsdetten mit seinem alten Rathaus, auch dem Neuen, war für mich als Berufsanfänger wichtige berufliche „Heimat“. Als Stadtbaurat wollte ich mit meiner Arbeit dazu beitragen, dass andere Menschen in dieser Stadt „Heimat“ finden und empfinden konnten. Ich hoffe, dass dies im Zusammenwirken mit den Architekten vor Ort in der damals neu geschaffenen Stadtmitte, in den damals neu entstandenen Wohngebieten, aber auch in den Freiräumen der Stadt als „Heimat für Andere“ erfahrbar geworden ist.

Lieber Herr Schröder, ich hoffe, Ihnen ausreichend geantwortet zu haben. Durch die notwendige Knappheit sind einige weiter ausführende Gedanken, auch Namen aus Stadtpolitik und Verwaltung, die für mich noch heute dazu gehören, nicht erwähnt. Beim Sortieren unseres Umzugsgutes sind mir ein paar Diapositive aus meiner ersten Zeit in Emsdetten in die Hände gekommen, die ich gerne an Sie weitergebe. Sie sind technisch nicht alle OK, inhaltlich eher zufällig. Die Dias mit den Plänen zur Stadtkernsanierung sind vielleicht doch von dokumentarischem Wert.“

Vielen Dank Herr Prof. Niehaus für Ihre Stellungnahme zum Thema „Heimat“.

Die freundlicherweise überlassenen Dias haben wir eingescannt und somit zukunftssicher archiviert. Herzliche Grüße aus Emsdetten!

Aus Manila erreichte uns im letzten Jahr auch ein Brief von Pater Dr. Franz-Josef Eilers, svd. zum Thema „Heimat“

Pater Eilers schreibt: „Wenn ich hier auf den Philippinen meinen Studenten an der theologischen Hochschule (Priesterseminar) und der Universität die anthropologischen Begriffe acculturation und enculturation erkläre, dann denke ich immer wieder an meine eigene Jugend in Emsdetten. Denn Enculturation meint eigentlich „Heimat“, d.h. eine Kultur, in der man durch Geburt und Kultur eingebettet wird und die so grundlegender Teil des eigenen persönlichen Lebens wird. Lebensanschauung, Gefühle und Erwartungen aber auch Verhaltenweisen werden von dieser „Heimat“ (Kultur) bestimmt.

Gern erinnere ich mich an die Kindheitsjahre in der Familie, einschließlich der häufigen Besuche in Münster, der Heimat meiner Mutter. Die Erfahrungen mit Lehrern  in der Schule, noch mehr aber jene in der Pfarrei Herz Jesu mit ihren vorbildlichen Priestern sind auch heute noch Grundlage des persönlichen und geistlichen Lebens, die von der „Heimat“ nicht getrennt werden können. Noch heute erzähle ich meinen Seminaristen, wie Kaplan Austermann uns als junge Messdiener „gedrillt“, aber auch motiviert hat für den liturgischen Dienst; ich versuche hier das Gleiche zu tun. Die Erfahrungen des Krieges mit seinen Luftangriffen, aber auch den Wiederaufbau, vor allem von Münster, kann man nicht vergessen. Sie bilden auch heute noch eine Grunderfahrung, die mitspielt, wenn in diesem Lande und anderen Teilen Asiens - ich arbeite außer meinem Unterricht für die „Föderation der Asiatischen Bischofkonferenzen - kriegsähnliche Ereignisse aufleben. Mit Interesse lese ich auch hier in Asien einige Berichte der Emsdettener Volkszeitung im Internet. So bleibe ich auch mit der „Heimat“ verbunden. Sie bringen Erinnerungen und beleben das Bewusstsein von der eigenen „Heimat“, wo man seinen Ursprung hat. In meinen persönlichen Gesprächen mit Seminaristen und Priestern erzähle ich ihnen immer wieder von meiner Überzeugung und meiner persönlichen Erfahrung, dass die ersten fünf bis sechs Jahre im Leben eines Menschen entscheidende Jahre sind, in denen die Grundlage und Disposition für das ganze spätere Leben gelegt werden. Dies schließt dann besonders auch die „Heimat“ aus der man hervor wächst mit ein.“ Der Heimatbund bedankt sich bei Ihnen Pater Eilers und wünscht Ihnen für die Zukunft alles Gute.

Mit einigen Passagen aus der Ansprache von Horst Köhler vor der Bundesversammlung nach der Wahl zum Bundespräsidenten im Deutschen Bundestag am 23. Mai 2004 möchte ich abschließen:
„Die Schönheit unseres Landes, die Geschichte unseres Landes, die Probleme unseres Landes - das alles ist und bleibt Deutschland. Das ist unser Land, das ist unserer „Heimat“. Unser Land sollte uns etwas wert sein. Ich selber bin Teil einer Generation, die die Geschichte der Bundesrepublik als einzigartige Erfolgsgeschichte miterlebt hat, von der Aussöhnung mit unseren Nachbarn über das Wirtschaftswunder bis zur Wiedervereinigung. All dies sind große historische Leistungen und gute Gründe, uns selbst zu vertrauen, uns etwas zuzutrauen. Es sind für mich gute Gründe, unser Land, unsere „Heimat“, zu lieben.“ So weit der Bundespräsident.

Für die vielen Zuschriften möchte ich mich abschließend nochmals recht herzlich bedanken. Sie haben gezeigt, wie lohnend es sein kann, sich mit dem Thema „Heimat“ zu beschäftigen. Aus der „Heimat“ Emsdetten wünsche ich allen ehemaligen Mitbürgern eine schöne Weihnachtszeit und alles Gute für das Neue Jahr. Herzlichen Dank!

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